Als Arbeitsgruppe „Schulungsmaterial der AG Diabetes und Migranten (DDG) e.V.“ haben wir uns zu Beginn unserer Tätigkeit die Aufgabe gestellt, den Ist-Zustand der Schulungen bei Migranten mit Diabetes genauer zu erfassen.
Folgende Fragen wollten wir klären:
- Besteht eine Notwendigkeit für ein spezielles Schulungsprogramm für Migranten mit Diabetes mellitus?
- Welche Besonderheiten sollten bei Schulungen von Migranten beachtet werden?
Wir erarbeiteten in der Arbeitsgruppe einen Fragebogen, der an Experten, diabetologisch erfahrene Ärzte, Diabetes-Assistentinnen und -Beraterinnen versandt wurde. Die Ergebnisse sollten im Rahmen einer Konsensusfindung nach dem Delphi-Verfahren ausgewertet werden.
An der Umfrage nahmen 40 Personen teil:
- 17 Diabetesberaterinnen/-berater
- 8 Diabetesassistentinnen/ -assistenten
- 15 Ärztinnen/Ärzte
Davon kamen 28 aus dem ambulanten und 17 aus dem stationären Bereich (Mehrfachnennungen waren möglich).
Am 01.11.2003 wurden die Ergebnisse im Rahmen des Kirchheim-Forums in Wiesbaden zur Diskussion gestellt. Eingeladen waren alle Teilnehmer der Befragung. Vorab wurde allen Teilnehmern ein vorläufiger Ergebnisbericht zugesandt.
Ergebnisse:
Im Folgenden sind die Ergebnisse entsprechend dem Fragebogen mit den Absolutangaben dargestellt. Teilweise addieren sich die Ergebnisse nicht auf 40, da manche Fragen nicht vollständig beantwortet wurden.
| Skala | zutreffend | nicht zutreffend | ||||
|---|---|---|---|---|---|---|
| < 21% | 21-40% | 41-60% | 61-80% | 81-100% | ||
| 1. | Wie viele Migranten sind mit den bisherigen Schulungsprogrammen in deutsch überfordert? | 2 | 4 | 5 | 20 | 7 |
| 2. | Ein spezielles Schulungsprogramm in der Mutter-Sprache ist für Migranten mit Diabetes wichtig! | 31 | 6 | 2 | 0 | 1 |
| Probleme von Migranten mit Diabetes in der deutschen Schulung betreffen vor allem | ||||||
| 3. | das unterschiedliche Krankheitsverständnis | 13 | 16 | 8 | 1 | 2 |
| 4. | das unterschiedliche Bildungsniveau | 11 | 14 | 8 | 5 | 2 |
| 5. | die sprachliche Verständigung | 28 | 10 | 1 | 0 | 1 |
| 6. | den Analphabetismus | 7 | 13 | 11 | 7 | 2 |
| 7. | den sozialen Status | 5 | 12 | 18 | 4 | 1 |
| 8. | die Essgewohnheiten | 19 | 12 | 7 | 1 | 1 |
| 9. | religiöse Besonderheiten (Fasten, Beten...) | 6 | 14 | 11 | 3 | 1 |
| 10. | verschiedene Lebensgewohnheiten | 9 | 18 | 8 | 3 | 1 |
| 11. | Erlernen und Erkennen der Nahrungsmittel, die den Blutzucker ansteigen lassen | 5 | 11 | 14 | 7 | 2 |
| 12. | das Ermitteln des KE/BE-Gehaltes der Nahrungsmittel (bei Insulintherapie) | 13 | 16 | 8 | 2 | 0 |
| 13. | die Notwendigkeit KE/BE bei Insulintherapie zu berechnen | 13 | 15 | 5 | 5 | 1 |
| 14. | den richtigen Umgang mit Hypoglykämie | 6 | 9 | 15 | 9 | 0 |
| 15. | das Vermitteln der Folgekrankheiten und deren Prävention | 14 | 15 | 5 | 5 | 0 |
| 16. | die Möglichkeiten zur Prävention im Bereich Füße | 11 | 11 | 11 | 6 | 0 |
| 17. | das Vermitteln der Notwendigkeit zur Selbstkontrolle | 7 | 13 | 12 | 4 | 3 |
| 18. | das Führen üblicher Blutzucker-Tagebücher | 10 | 18 | 8 | 3 | 0 |
Diskussion
Eindeutige Ergebnisse lieferten folgende Fragen:
- Nr. 2: 31 von 40 halten ein spezielles Schulungsprogramm für Migranten für wichtig.
- Nr. 5: 28 von 40 machen die sprachliche Verständigung dafür verantwortlich.
Folgende Fragen waren in ihrer Aussage ebenfalls sehr klar und wurden auch von den Diskussionsteilnehmern des Arbeitstreffens so gesehen.
- Nr. 1: 27 von 40 sehen mehr als 61 % der Migranten mit den deutschen Schulungsprogrammen überfordert.
- Nr. 8: Rang 1 und 2 der Skala gaben 31 der Befragten an.
- Nr. 10: Rang 1 und 2 der Skala gaben 27 der Befragten an.
- Nr. 12: Rang 1 und 2 der Skala gaben 29 der Befragten an.
- Nr. 13: Rang 1 und 2 der Skala gaben 28 der Befragten an.
- Nr. 15: Rang 1 und 2 der Skala gaben 29 der Befragten an.
- Nr. 18: Rang 1 und 2 der Skala gaben 28 der Befragten an. Zu diesem Punkt wurde angemerkt, dass das Ausfüllen der Tagebücher für viele Patienten deshalb schwierig sei, weil die Felder so klein sind. Als Empfehlung sollen eigene, größere Blutzucker-Tagebuchblätter erstellt werden.
Die oben genannten Punkte sollen einen Schwerpunkt unserer zukünftigen Arbeit bilden.
Ausführlich wurden dann alle weiteren Punkte diskutiert. Die Diskussionsergebnisse stellten sich im einzelnen folgendermaßen dar:
- Nr. 3: Zunächst stellte sich uns die Frage, warum ein Betroffener, gleich ob Migrant oder Deutscher, motiviert sein sollte, sich behandeln zu lassen, wenn er Diabetes mellitus nicht als Krankheit empfindet. Als Ansatzpunkt zur Vermittlung eines Krankheitsbewusstseins wurde vorgeschlagen, vermehrt in den in Deutschland erscheinenden Medien für Migranten wie Zeitungen und Fernsehprogrammen, über Diabetes mellitus berichtet werden soll. Teilweise bestehen seitens unserer Arbeitsgemeinschaft schon entsprechende Kontakte, die nun genutzt werden sollen. Häufig findet man z. B. bei türkischen Patienten ein mehr ganzheitliches Krankheitsverständnis. Diabetes mellitus wird als Krankheit von Kopf bis Fuß empfunden, als von Allah gegeben. Als Einstieg in ein Schulungsprogramm wird empfohlen, zunächst eine offene Gesprächsrunde bei Tee oder Kaffee abzuhalten ähnlich der 1. Stunde des Medias II und Diamand
- Nr. 4 und 6: Diese Punkte wurden zusammen diskutiert. Historisch gesehen migrierte in der Regel die Unterschicht eines Landes, so dass im Schnitt bei den Migranten der ersten Generation ein niedrigeres Bildungsniveau anzutreffen ist als bei Deutschen. Die Hemmungen, Analphabetismus anzugeben sind meist niedriger als bei Deutschen, so dass in einem solchen Fall eher Rücksicht genommen werden kann. Als Schulungsmaterial eignen sich bei Analphabeten selbsterklärende Bilder, Attrappen oder die eigentlichen Lebensmittel.
-
Nr. 9: Die Religion z. B. der Islam stellt kein Hinderungsgrund für eine Schulung dar. Religiöse Besonderheiten sollten jedoch beachtet werden.
- Bei der Terminierung der Schulung an religiöse Feiertage denken, einen multikulturellen Kalender verwenden.
- Auf Fasten- und Essensgebote eingehen.
- Nr. 11: Die vorhandenen Nahrungsmitteltabellen sollen um internationale Gerichte ergänzt werden.
- Nr. 14: Das Erkennen und Behandeln einer Hypoglykämie ist für Migranten nicht schwieriger als für Deutsche, häufig aber die Dokumentation. Auf diese sollten die Patienten speziell hingewiesen werden.
- Nr. 17: Die Notwendigkeit der Selbstkontrolle ist den Patienten recht gut zu vermitteln. Schwierigkeiten liegen wie bereits an anderer Stelle erwähnt in der Dokumentation und teilweise in der Anpassung der Therapie an die gemessenen Werte.
Fazit
Als Aufgaben für die Zukunft ergeben sich daraus folgende Aufgaben:
- Netzwerk für Schulung und Betreuung von Migranten erstellen
- Kontaktaufnahme zu Migrantengruppen oder –institutionen (z. B. Vereine, Zeitungen, Fernsehen, Moscheen, Ausländerbeiräte)
- Den in der Diabetologie tätigen Personen die Thematik und Lösungsmöglichkeiten bewusst machen
- Materialsammlung für Migranten erstellen
- Fehlende Materialien neu entwickeln
Für die AG „Schulungsmaterial der AG Diabetes und Migranten (DDG) e.V.“ fasste Frau Dr. Demirtas die Ergebnisse zusammen.







