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Redaktion diabetes world
   16.12.2009
Grünes Licht für Nährwertkennzeichnungen?

Jeder zweite Erwachsene in Deutschland ist übergewichtig, bei Kindern und Jugendlichen ist es jeder Fünfte. Der gefährliche Trend zum Übergewicht ist EU-weit zu beobachten, er gilt als eine der Hauptursachen für die wachsende Zahl von Typ-2-Diabetikern. Abhilfe soll eine bessere Lebensmittel-Kennzeichnung schaffen. Neue Formen der Nährwert-Kennzeichnung wie der "GDA-Kompass" oder die "Ampel" sollen dem Verbraucher die Entscheidung erleichtern, ob ein Produkt in den Einkaufswagen wandert oder zurück ins Supermarktregal gestellt wird. Aber welchen Sinn machen diese Aufdrucke wirklich? Bei genauerem Hinsehen enthüllen beide Varianten ihre Schwächen.

Bislang tragen rund 80 Prozent der Lebensmittel in Deutschland eine Nährwertkennzeichnung. Die Hersteller listen hier meist Angaben zu den "Big Four" auf, also zu Fett, Eiweiß, Kohlenhydrate und Energie (kcal). Sie beziehen sich auf 100 Gramm oder 100 Milliliter des Produkts. Diese Kennzeichnung ist in der EU generell freiwillig. Verpflichtend und strengen Regeln unterworfen ist sie nur dann, wenn auf der Packung Angaben wie "fettarm" oder "zuckerarm" eine bestimmte Eigenschaft hervorheben sollen. Bereits 2007 urteilte der damalige Minister für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Horst Seehofer: "Die Nährwerttabellen, wie sie heute üblich sind, nimmt kaum jemand zur Kenntnis." Helfen sollen neue Formen der Kennzeichnung, wie der "GDA-Kompass", die das Verständnis erleichtern und dabei auch leichter ins Auge fallen. Aber auch das aus England kommende "Ampel-Modell" steht zur Disposition. Wo liegen jeweils die Vor- und Nachteile?

GDA-Kennzeichnung

"Guideline Daily Amounts" (GDA) bedeutet "Richtwert für die Tageszufuhr". Die GDA-Kennzeichnung findet sich in Form von kleinen runden Kreisen oder Tonnen auf der Verpackung, das System geht zurück auf einen Vorschlag des Verbands der Europäischen Lebensmittelindustrie (CIAA). Angegeben werden die fünf wichtigsten Werte in Gramm (Energie, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz) und in Prozent der empfohlenen Menge pro Tag. Nach der CIAA ist die GDA-Kennzeichnung deshalb von Vorteil, weil der Verbraucher die Nährstoffangaben in Zusammenhang setzen kann mit der gesamten Ernährung. Auch untereinander sollen sich die Produkte so leichter vergleichen lassen.

Nach dem Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap, verstehen 82 Prozent der Deutschen die GDA-Kennzeichnung. Bei Experten stößt sie allerdings auf Kritik. Zwar biete die Kennzeichnung einen groben Richtwert, wie viel von welchem Nährstoff in der Portion enthalten ist. Auslegungssache sei aber der Begriff "Portion". Sie werde häufig in sehr kleinen Mengen ausgewiesen, z. B. 25 Gramm Kartoffelchips oder 1 Keks pro Packung. Die Verbraucherzentrale Hamburg sieht darin eine "Verniedlichungstaktik", die die Verbraucher in die Irre führen kann.

Empfehlungswerte – für alle gleich?

Ähnlich verhält es sich mit den Referenzwerten für die "empfohlene Tageszufuhr". Der Energiebedarf pro Tag wird hier meist mit 2000 kcal angegeben. Dieser Wert bezieht sich auf eine durchschnittliche Frau. Vereinfacht wird dabei, dass dieser Bedarf nicht bei allen Menschen gleich ist, sondern stark variieren kann. Nirgends kenntlich machen die Hersteller außerdem, dass es sich bei dem Wert für die Gesamtzufuhr an Fett pro Tag (70 g für Frauen, 80 g für Männer) um Höchstwerte handelt. Gerade für ältere Menschen ist das häufig zu viel. Bei dem angegebenen Wert für die Gesamtzufuhr an Kohlenhydraten, handelt es sich dagegen um einen Mindestwert, der nicht unterschritten werden sollte. Sich unhinterfragt an diesen Werten zu orientieren, kann also ebenfalls zu Fehlern in der Ernährung führen.

Die Ampel-Kennzeichnung

Die "Ampel" auf Lebensmittelpackungen wird besonders in England verwendet. Verbraucher sollen so Anhaltspunkte gewinnen, ob in einem Produkt viel (rot), mittel (gelb), oder wenig (grün) Zucker, Fett, gesättigte Fettsäuren oder Salz enthalten sind. Bestimmte Nährstoffgrenzwerte dürfen pro Farbe dabei nicht überschritten werden. Die Bewertung nach Farbe bezieht sich auf 100 Gramm oder 100 Milliliter des Lebensmittels. Enthält ein Produkt in dieser Menge beispielsweise mehr als 12,5 Prozent Zucker, wird die Farbe rot für den Zuckergehalt vergeben. Auch die Ampel erspart dem Käufer aber nicht, genauer auf die Zusammensetzung des Produkts zu achten, so die Deutsche Gesellschaft für Ernährung.

Fraglich ist nämlich, ob sich die gesamte Ernährung auf drei Farben reduzieren lässt. So führt das System in einigen Fällen zu widersinnigen Kennzeichnungen. 100 Gramm tiefgekühltes Lachsfilet beispielsweise enthalten 11 Gramm Fett. Dafür würde ein roter Punkt vergeben werden. Tatsächlich aber ist das Fischfett mit seiner speziellen Zusammensetzung von Fettsäuren durchaus gesund. Diätcola dagegen - versetzt mit künstlichen Süßstoffen - würde nach dem Ampelmodell volle vier grüne Punkte erhalten. Ungewiss sind auch hier die Referenzpunkte. Bezieht sich die jeweilige Farbe auf den Bedarf von Männern, Frauen und gilt sie auch für Kinder und Ältere? Und müsste sich die Farbe nicht auch danach richten, ob 20 Gramm gegessen werden oder 250 Gramm?

"Kennzeichnung kein Ersatz für Ernährungserziehung"

Während sich Fachleute und Organisationen in der EU weiterhin Gedanken darüber machen, wie Nährwerte angemessen auf den Verpackungen der Lebensmittel ausgezeichnet werden können, weist der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) darauf hin, dass eine Nährwertkennzeichnung keine Ernährungserziehung ersetzt. So lange sich keine Bewusstseinsänderung einstelle, könne auch die transparenteste Lebensmitteldeklaration wenig am Essverhalten der Menschen ändern. Andrea Moritz vom BLL sagt, dass sich eine Ampel höchstens für das Essverhalten insgesamt eigne: "Wer ein Fast-food-Fan ist, ernährt sich eher ungesund, also im roten Bereich. Wer abwechslungsreich und nicht übermäßig ist, liegt immer im gesunden, grünen Bereich."

 

Quellen:

  • AID-Infodienst: Ampelkennzeichnung - Pro und Contra. Auf: http://www.aid.de/downloads/ampelkennzeichnung.pdf
  • AID-Infodienst: Die Grenzen der Ampelkennzeichnung. Auf: http://www.aid.de/verbraucher/kennzeichnung_naehrwertkennzeichnung.php
  • AID-Infodienst: Die „Guideline Daily Amounts (GDA)". Auf: http://www.aid.de/downloads/gda_kennzeichnung.pdf
  • AOK: Nährwertkennzeichnung. Auf: http://www.aok.de/niedersachsen/gesundheit/naehrwertkennzeichnung-58429.php
  • Metternich, Kirsten: Nährwert-Kennzeichnung. In: Diabetes Journal, 12/2009, S. 93-95.
  • Wikipedia: Nährwertkennzeichnung. http://de.wikipedia.org/wiki/N%C3%A4hrwertkennzeichnung