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Macht Insulin dick?
Abb Artikel Macht Insulin dick? Waage

Der Beginn einer Insulin-Therapie geht für Typ-2-Diabetiker oft einher mit besseren Blutzuckerwerten und einem größeren Wohlbefinden. Ein unliebsamer Nebeneffekt kann manchmal eine leichte Gewichtszunahme sein. Sie scheint zu bestätigen, was viele Diabetiker vermuten: Insulin macht dick. diabetes-world.net hat die Wirkungen des Insulins genauer unter die Lupe genommen: Was ist Tatsache und wo beginnt das Vorurteil?

Die Antwort auf die Frage, ob Insulin dick machen kann, scheint zunächst simpel: Nein. Weder durch Injektionen zugeführtes, noch das in der Bauchspeicheldrüse körpereigen produzierte Insulin ist verantwortlich für überflüssige Pfunde. Dass aber nach dem Beginn einer Insulin-Therapie zwei, drei Kilo mehr auf den Hüften sitzen können, ist völlig normal. Sie zeigen an, dass sich der Stoffwechsel wieder gesunden Bahnen annähert und überflüssiger Zucker nicht mehr über den Urin ausgeschieden wird. Besser nachvollziehbar wird das, wenn man sich den Energiestoffwechsel und die Funktion des Insulins genauer betrachtet.

Energiestoffwechsel

Zu unterscheiden sind zunächst der Betriebs- und der Baustoffwechsel. Ersterer liefert dem Körper die Energie, die zu seinem reibungslosen Funktionieren notwendig ist. Alle körperlichen und geistigen Leistungen schöpfen ihre Energie aus dem Betriebsstoffwechsel. Der Baustoffwechsel dagegen dient dem Aufbau, der Erhaltung sowie dem Um- und Abbau der Zellen in allen Organen. Die Energie, die der Stoffwechsel für diese lebenswichtigen Vorgänge benötigt, zieht der Körper aus der Nahrung: aus Zucker (Kohlenhydraten), Eiweißen (Proteinen) und Fetten.

Insulin als Aufbau- und Speicherhormon

Damit die verschiedenen Vorgänge im Stoffwechsel in gewünschter Weise ablaufen können, ist ein ganzes Zusammenspiel von Hormonen nötig. Sie alle unterstützen oder hemmen sich gegenseitig in ihrer Wirkung. Eines dieser Hormone ist das Insulin, das auch im Baustoffwechsel eine Rolle spielt: Insulin stimuliert den Aufbau der Eiweiße, des Glykogens (Zuckervorrat in den Muskeln und der Leber) und der Fette. Es hat damit eine aufbauende, also anabole Wirkung. Zur gleichen Zeit hemmt es aber auch den Abbau von Fett, Eiweiß und Glykogen aus den Energiespeichern des Körpers, wirkt also antikatabol. Insulin kann in diesem Zusammenhang als Aufbau- und Speicherhormon gesehen werden. Dass es dennoch nicht zu einer erhöhten Gewichtszunahme kommt, dafür sorgen andere Hormone, die dem Insulin entgegenwirken.

Gleiches gilt für den Fettstoffwechsel. Betrachtet man die Wirkungen des Insulins im Fettstoffwechsel isoliert von denen anderer Hormone, so kommt ihm auch hier die Rolle eines Gewebe aufbauenden Hormons zu: Der Fettaufbau (Lipidsynthese) wird unterstützt, der Fettabbau (Lipolyse) gehemmt. Erst, wenn dieses Gleichgewicht dauerhaft gestört ist, wirkt sich Insulin tatsächlich auf das Körpergewicht aus: Bei einem Überangebot von Insulin, dessen Wirkung nicht mehr ausreichend von anderen Hormonen reguliert werden kann, überwiegen die Aufbau- und Speicherprozesse. Ein „zu viel“ an Insulin, wie es beispielsweise in der medikamentösen Diabetesbehandlung vorkommen kann, erschwert das Abnehmen und trägt zu Übergewicht bei.

Wer immer wieder zu viel isst, und erhöhte Blutzuckerspiegel dann mit zusätzlichem Insulin senkt, der wird naturgemäß Probleme mit seinem Gewicht haben. Zudem lassen hohe Mengen an Insulin den Blutzucker stärker abfallen - gesteigerter Appetit oder sogar Unterzuckerungen (so genannte Hypoglykämien) sind die Folge. Das Insulin mag dann vielleicht ein Auslöser für Heißhunger sein, die Verantwortung darüber, wie dieser vernünftig gestillt wird, liegt aber beim Menschen.

Übergewicht: Fehler in der Therapie oder falscher Lebenswandel?

Wieso steigt das Körpergewicht aber oft nach Beginn einer Insulin-Therapie – auch bei gleich bleibender Ernährung? Durch die Normalisierung der Blutzuckerspiegel und die Verbesserung der Blutzuckerwerte wird keine Glukose mehr über den Urin ausgeschieden - weniger Energie geht verloren. Die Nahrung wird besser ausgewertet so dass dem Körper wieder mehr Kalorien zur Verfügung stehen. Diese können – wenn insgesamt mehr Kalorien verzehrt als verbraucht werden - im Fettgewebe gespeichert werden. Gleichzeitig kann es vorübergehend zu Wassereinlagerungen, z. B. in den Beinen, kommen. Die daraus resultierende Gewichtszunahme zeigt eine Rückkehr zum normalen Funktionieren des Körpers an und sollte normalerweise auf wenige Kilo begrenzt sein.

Zusammenfassend heißt das, dass Insulin zur Gewichtszunahme beitragen und die Gewichtsabnahme erschweren kann. Das ist aber nur der Fall, wenn die Therapie noch nicht hundertprozentig greift oder die verabreichten Insulinmengen dauerhaft zu hoch sind. In einer erfolgreichen Insulin-Therapie, die den Blutzuckerverlauf wieder normalisiert, muss das Hormon deshalb als Dickmacher ausfallen. Viel wichtiger ist, auf eine ausgewogene Energie-Bilanz zu achten: Sind Nahrungsaufnahme und Energieverbrauch ausgeglichen, hat man sein Gewicht im Griff.

 

Quelle: Prof. Rüdiger Petzoldt, „Macht Insulin dick?“, Diabetes Journal 4/2007, S. 32-33